Welche Tierversuche werden mit Primaten durchgeführt?
Von Cristeta Brause, Tierärztin
Forschung
Die nahe Verwandtschaft der nichtmenschlichen Primaten zu uns Menschen ist der Grund
dafür, dass Affen für bestimmte Bereiche der biomedizinischen Forschung herangezogen
werden.
Seit 1992 verzichtet man hierzulande zwar endlich auf den Einsatz von Menschenaffen,
aber Altweltaffen wie Javaneraffen (Macaca fascicularis), Rhesusaffen (Macaca mulatta),
Afrikanische Grüne Meerkatzen (Cercopithecus aethiops) und Paviane (Papio spp.) sowie
Weißbüschelaffen (Callitrix jacchus), Totenkopfaffen (Saimiri sciureus) und Nachtaffen
(Aotus trivirgatus) leiden nach wie vor in deutschen Versuchslabors .
Die Einsatzgebiete für Affen in der Forschung sind die Bereiche Virologie,
Reproduktions- (Fortpflanzungs-)biologie/-medizin, Neurobiologie, Xenotransplantation
(Verpflanzung von Organen/Geweben einer Art auf eine andere), Gentherapie-Forschung und
Pharmakologie/Toxikologie.
Infektionsforschung
Da Infektionserreger (Viren, Prionen, Bakterien, Parasiten) nicht für jede Tierart
überhaupt oder gleichermaßen infektiös sind und einige Krankheitserreger des Menschen
nur Primaten infizieren können, werden besonders im Bereich der Virologie Affen
eingesetzt. Dabei werden die Tiere beispielsweise mit Erregern auf die verschiedensten
Arten (Injektion, Gabe über die Atemluft oder den Magen usw.) infiziert, um entweder
einzelne Mechanismen der Infektion und Krankheitsentstehung im Rahmen der
Grundlagenforschung aufzuklären, oder auf der Suche nach geeigneten medikamentösen
Therapien bzw. Impfstrategien. Auch die Charakterisierung von Viren ist hier von
Interesse.
Derzeit liegt der Schwerpunkt bei der Erforschung sogenannter Retroviren
wie beispielsweise dem AIDS-Erreger HIV (Human Immunodeficiency Virus) bzw. dem Lentivirus
SIV (Simian Immunodeficiency Virus), das bei einigen Affenarten ein dem menschlichen
AIDS-Syndrom ähnliches Krankheitsbild hervorruft.
Des weiteren werden mit Hepatitisviren und Herpesviren Affenexperimente
durchgeführt.
In jüngster Zeit wird auch exzessiv mit sogenannten Prionen, zu denen der
BSE-Erreger gehört, an Affen geforscht.
Neurobiologische
Grundlagenforschung
Die Erforschung des Zentralen Nervensystems läuft derzeit auf Hochtouren. Insbesondere
die Hirnforschung im Hinblick auf Fragestellungen zur zentralen Verarbeitung von
Sinnesreizen, Entwicklungsbiologie des Gehirns und Gedächtnisforschung sowie die
Erforschung von Demenzkrankheiten treten hier in den Vordergrund.
Weil nun Gehirn und Sinnesorgane des Affen entwicklungsbiologisch denen des Menschen
sehr nahe kommen, werden Affen gerade in der neurobiologischen Grundlagenforschung
eingesetzt.
So wird seit einiger Zeit die Verarbeitung visueller Reize an Affen mittels in
das Gehirn implantierter Elektroden zur Messung von Hirnströmen erforscht. Während der
Messungen muss der Affe im sogenannten Primatenstuhl fixiert sitzen und Aufgaben vor einem
Monitor sitzend und einen Hebel betätigend lösen.
Auch zur Forschung im Bereich Verarbeitung akustischer Reize werden Affen
Elektroden in das Gehirn eingepflanzt.
Ein weiteres Gebiet ist die Stimmforschung. Hier interessieren das Zusammenspiel
von Stimmapparat, Nerven und Muskeln bei der Lauterzeugung. So werden beispielweise am
narkotisierten Affen bestimmte Nerven gereizt, die bei dem Tier dann Lautäußerungen
hervorrufen.
Fortpflanzungsbiologie
Unter den Säugetieren ist es wiederum nur der Affe, dessen weiblicher Hormonzyklus und
damit verbundene biologische Vorgänge an den weiblichen Geschlechtsorganen denen des
Menschen am meisten gleichen. Ähnliches gilt auch für andere Hormonfunktionen im
Organismus von Affen beiderlei Geschlechts. Deshalb werden Affen in der Hormonforschung
einschließlich der Pharmakologie der Fortpflanzung eingesetzt.
Dabei werden zum Beispiel trächtigen Äffinnen fruchtschädigende Substanzen
verabreicht oder männliche Tiere kastriert und anschließend Hormonbehandlungen
unterzogen.
Auch bei der Entwicklung der »Pille« wurden Affen eingesetzt.
Xenotransplantation
Die Idee, neben Schweinen auch Affen als unsere Ersatzteillager für Organe und Gewebe
zu verwenden, wird insbesondere seit bestehender Möglichkeit, Abwehrreaktionen des
Körpers gegen fremde Gewebe unterdrücken zu können, in's Auge gefasst.
Trotz und auch wegen der genetischen Verwandtschaft zu uns Menschen ist der
nichtmenschliche Affe aber mit technischen Problemen für Xenotransplantationszwecke
behaftet. Zum einen sind die Tiere von zu geringer Körpergröße, zum anderen könnten
sie für den Menschen krankmachende Erreger in ihren Organen und Geweben beherbergen,
welche dann beim Empfängerorganismus zum Ausbruch von Krankheiten führen könnten. Auch
Probleme wie das Vorkommen bestimmter Blutgruppen bei Affen und nicht zuletzt die
begrenzte Verfügbarkeit und Zuchtmöglichkeit von Affen kommen hier zum Tragen.
Dennoch muss der Affe bei solchen Transplantationsexperimenten als »Empfängertier«
Organen transgener Schweine herhalten.
Dabei wird das Immunsystem der Affen gedrosselt und anschließend ein Schweineorgan in
die Bauchhöhle oder anstelle des entsprechenden eigenen Organs eingepflanzt. Postoperativ
wird dann die Überlebenszeit des Affen ermittelt.
Arzneimittelprüfung
Im Rahmen der gesetzlich geforderten Tierversuche bei der Entwicklung von Arzneimitteln
und anderen chemischen Produkten werden ebenfalls Primaten eingesetzt.
Den Tieren werden die Testsubstanzen beispielsweise gespritzt oder über Schlundsonden
in den Magen gepumpt. Begleitend werden die Tiere verschiedensten anderen Maßnahmen wie
Blutproben ziehen etc. unterzogen.
Stand: April 2004 |