Der Tierversuch
Warum werden Muscheln getestet?
In unregelmäßigen Abständen kann es in Meeresgewässern zu einer Überpopulation von
mikroskopisch kleinen Algen kommen. Dieses immer häufiger vorkommende, "rote
Flut" genannte Phänomen ist auf klimatische Umstände sowie auf die zunehmende
Meeresverschmutzung zurückzuführen. Die riesigen Algenmassen enthalten oftmals giftige
Algenarten, wobei auch eigentlich harmlose Algen durch ins Wasser gelangte Gifte aus
Industrie und Landwirtschaft giftig werden können. Über die Nahrungskette gelangen die
Toxine in Muscheln, Krabben und Fische und reichern sich dort an. Aus Gründen der
Verbrauchersicherheit werden von bestimmten Meerestieren, insbesondere Muscheln,
regelmäßig Stichproben genommen und auf ihre Giftigkeit untersucht.
Wie äußert sich eine Muschelvergiftung?
Je nach Art und Dosis des Giftes kann es beim Menschen zu Nerven- und Muskellähmungen
oder zu Magen-Darm-Symptomen, wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall kommen. Nach Art der
Symptome, die sie hervorrufen, unterscheidet man fünf Giftgruppen: lähmendes Muschelgift
(PSP), Durchfall erzeugendes Muschelgift (DSP), Amnesie hervorrufendes Muschelgift (ASP),
Yessotoxine (YTX), Pectotentoxine (PTX), Azaspironsäure-Nervengift (AZA). PSP ist
besonders gefährlich, da es beim Menschen innerhalb weniger Stunden nach Giftaufnahme zu
Atemlähmung und damit zum Tod führen kann. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gab es keine
Hinweise auf Vergiftungen durch Muscheln aus deutschen Gewässern. Im Jahr 1972 kam es
hierzulande zu Vergiftungsfällen nach Konsum spanischer Muscheln. Seither werden Muscheln
in Deutschland regelmäßig getestet.
Wie werden Muscheln getestet?
Die Problematik der Muschelgifte ist bereits seit über 100 Jahren bekannt. Zahlreiche
Versuche wurden unternommen, die Meerestiere zu entgiften. So werden Muscheln ungiftig,
wenn man sie über einen bestimmten Zeitraum in sauberem Wasser hält. Durch
Elektroschocks können sie dazu gebracht werden, die Gifte schneller auszuscheiden. Beide
Methoden erwiesen sich als zu aufwändig. Die Entgiftung mit Chlor verursachte
Geschmackveränderungen und Kochen und Einmachen in Dosen brachte nicht den erwünschten
Erfolg. Solche Methoden sind natürlich auch aus Tierschutzgründen abzulehnen.

Foto: BUAV
In den meisten Staaten der Welt wurden in den 70er und 80er Jahren des letzten
Jahrhunderts staatliche Überwachungsprogramme eingerichtet. Dazu gehört sowohl das
Absuchen der Meere nach "roten Fluten" als auch die routinemäßige Untersuchung
von Muschelstichproben im "Maus-Bioassay". Die Untersuchungen werden je nach
Land und Art des bestimmenden Giftes unterschiedlich durchgeführt.
In vielen Ländern wird nach den Vorschriften nach der American Association of Official
Analytical Chemists (AOAC) vorgegangen: Gruppen von 10 Mäusen werden pürierte Muscheln
in unterschiedlichen Verdünnungen in die Bauchhöhle injiziert. Die Tiere gehen qualvoll
an dem Gift zugrunde. Die Zeit vom Moment der Injektion bis zum letzten Atemzug ist genau
zu bestimmen. Es wird die Dosis ermittelt, bei der eine Maus innerhalb von 5-7 Minuten
stirbt. Der Test muss innerhalb der nächsten Tage zweimal wiederholt werden. Aus den
Verdünnungen und den Todeszeitpunkten wird die Giftmenge pro 100g Muschelfleisch
errechnet. Die Menge darf einen festgelegten Wert (80 Mikrogramm pro 100g Muschelfleisch)
nicht überschreiten.
In der EU ist seit 1991 für die meisten Muschelgifte folgender Test vorgeschrieben:
Drei Mäusen werden zerkleinerte Muscheln in die Bauchhöhle injiziert. Sterben innerhalb
von 24 Stunden zwei von ihnen, wird auf das Vorhandensein von Toxinen geschlossen. Allein
die Injektion ist für die Tiere schon eine Tortur. Der Todeskampf kann sich über 24
Stunden hinziehen. Die Tiere ersticken schließlich qualvoll. Aus der Länge des
Todeskampfes wird die Menge des Giftes berechnet. Sie darf eine bestimmte Menge Gift pro
100g Muschelfleisch nicht überschreiten. Die Höchstmenge ist je nach Toxin-Gruppe
unterschiedlich.
Einzig die ASP-Toxine werden in der EU in vitro - also ohne Tiere - getestet.
Welche Nachteile hat der Mäuseversuch?
Der Mäuseversuch ist in erster Linie natürlich aus ethischen Gründen abzulehnen, da
er sehr hohe Tierzahlen erfordert und extrem grausam ist. Außerdem kann die
Verbrauchersicherheit durch ihn nicht gewährleistet werden, weil:
- Das Ergebnis des Tests ist abhängig von Alter, Geschlecht, Zuchtlinie und Gewicht der
Mäuse.
- Der Test ist nicht empfindlich genug, um geringe Mengen Gift aufzuspüren. - Der Test
ist zeit- und arbeitsaufwendig.
- Der Test ist ungenau, unzuverlässig, wenig aussagekräftig und schlecht reproduzierbar,
d.h. die Ergebnisse schwanken von Labor zu Labor.
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