Exemplarische Beschreibung einzelner Versuche
Nachfolgend sollen einige Versuche exemplarisch beschrieben werden. Ausführlichere Beschreibungen und Hintergrundinformationen zu den Versuchen sowie Quellenangaben finden sich in den Studien “...weil wir keine Ratten sind – Irrwege der Alkoholforschung” Teil I gelb (Forschungsergebnisse 1990 - 2000 ) und II blau (2001 – 2005)), die unter info@tierversuchsgegner-berlin-brandenburg.de angefordert werden können
1. In den 1990er Jahren wurde von Forschern am Institut für klinische Neurobiologie der Freien Universität Berlin (Wolffgramm und Heyne) versucht, ein “Tiermodell” zur möglichst genauen Nachahmung der Suchtentstehung beim Menschen zu entwickeln, um beispielsweise neue pharmakologische Möglichkeiten für die Rückfallprävention zu testen.
Hierzu haben männliche Wistarratten “freie Wahl” zwischen Wasser und unterschiedlich konzentrierten Alkohollösungen. Zunächst kann bei allen Tieren ein kontrollierter Alkoholkonsum beobachtet werden. Nach 40 bis 50 Wochen(!) verliert ein Teil der Ratten die Kontrolle über die Alkoholaufnahme. Nun wird der Alkohol für mehrere Monate entzogen und danach wieder zur Verfügung gestellt, um zu überprüfen, ob immer noch einige Tiere unkontrolliert trinken und somit laut den Forschern süchtig sind. Die Ratten werden als unkontrolliert trinkend angesehen, wenn aversive Bedingungen wie das Vergällen der Alkohollösung mit dem bitter schmeckenden Quinin, das Anbieten wohlschmeckender Alternativen, eine 24-stündige Isolation und auch der soziale Rang keinerlei Einfluss mehr auf den Alkoholkonsum haben.
Interessanterweise wurde im Zeitraum 2001-2005 kein veröffentlichter Versuch mit diesem Modell durchgeführt, was angesichts der Lobeshymnen, die – von Wolffgramm selbst stammend – in Übersichtsartikeln zu finden sind, überrascht. Stattdessen konnte dieses “Tiermodell” in drei eigens dafür angesetzten Dissertationen, die immer wieder neue Modifizierungen der Vorgehensweise zum Süchtigmachen untersuchten und ebenfalls viele Ratten das Leben kosteten, nicht nachvollzogen werden. So liest man in der dritten Dissertation: “Die Schwierigkeit bei der Problematik bezüglich der Entwicklung einer psychischen Abhängigkeit im Tiermodell wird durch die Ergebnisse (der drei Dissertationen) bestätigt”, und “(es) muss in Frage gestellt werden, ob die Ratte oder andere Tierarten als Modell für den menschlichen Alkoholismus dienen kann. Diese und die Ergebnisse anderer Untersuchungen weisen darauf hin, dass Sucht eine einzig auf den Menschen bezogene Krankheit ist, für welche kein tierisches Analog existiert. Sie hat multifaktorielle Ursachen und ist nicht allgemeingültig und vorhersehbar zu replizieren.”
In offenbar vollständiger Ignorierung dieser Ergebnisse schreibt Wolffgramm in einem 2005 veröffentlichten Artikel völlig unkritisch über das von ihm entwickelte Tiermodell. Es stellt sich die Frage, inwieweit ein wissenschaftlicher Austausch zwischen den Forschern bzw. das ständige Informieren über neueste Forschungsergebnisse stattfindet – bezeichnend für diese Art von Forschung und unendliches Leid bedeutend für Tausende von Tieren, die in solch widerlegten, trotzdem aber weiterhin stattfindenden Versuchen eingesetzt werden.
2. 1999 wurde in Freiburg Ratten über acht Tage 20%iger Alkohol durch einen kleinen Schlauch in den Magen verabreicht.
Die so behandelten Tiere verbrachten die meiste Zeit in einem schweren Stadium der Vergiftung, kaum dazu imstande, das angebotene Futter zu fressen. So verloren sie bis zu 20% ihres Körpergewichtes, was teilweise durch die zwanghafte Eingabe einer Flüssigdiät kompensiert wurde. Etwa 30%(!) der Ratten starben während des Versuchs an Alkoholüberdosierung. Nach 24 Stunden Entzug wurden die Tiere durch Enthauptung getötet und ihr Gehirn untersucht. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie schon schwere Entzugserscheinungen wie Zittern, Angst und Aggressivität. Das Versuchsziel war die nähere Untersuchung von Schäden im Gehirn durch massiven Alkoholkonsum, wodurch beim Menschen unter anderem Epilepsie ausgelöst werden kann.
Ein extrem belastender und mit starkem Leid verbundener Versuch, dessen Fragestellung man erheblich aussagekräftiger und ethisch unbedenklich mit pathologischem Material verstorbener alkoholkranker Menschen hätte behandeln können.
3. 2001 wurde am Institut für Pharmakologie und Toxikologie des Fachbereichs Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin ein Versuch zu den akuten Effekten von Alkohol auf Angst und die Konzentration des Botenstoffs Serotonin in einem bestimmten Gehirnbereich durchgeführt.
Hierzu wurden mindestens 26 Ratten zweier Rattenstämme, die genetisch bedingt ein hohes bzw. ein geringes Angstverhalten aufweisen, einer schmerzhaften Operation unterzogen: den Tieren wurde eine Führungskanüle in den entsprechenden Gehirnbereich gelegt und mit Schrauben und Kunstharz am Schädel befestigt. Die Ratten hatten ganze vier Tage Zeit, sich von diesem schweren Eingriff zu “erholen”. Durch die Kanüle wurden nun Proben entnommen, um die Serotoninkonzentration unter verschiedenen Bedingungen zu ermitteln. Verglichen wurde dann das Verhalten und die Serotoninkonzentration der beiden Rattenstämme in gewohnter Umgebung oder in ungewohnter, angstauslösender Umgebung (hier ein erhöhter “Irrgarten”) und der Einfluss von Alkohol auf diese Parameter.
Die aus diesem Versuch gewonnenen Ergebnisse widersprachen einerseits den Beobachtungen aus vorangegangenen Tierversuchen, des Weiteren lieferten auch Studien an Menschen mit bildgebenden Verfahren anders lautende Resultate.
4. Ebenfalls 2001 wurde ein Artikel veröffentlicht, der sich mit der Vorbeugung alkoholinduzierter Leberschädigungen bei Ratten durch das Medikament Ebselen befasst.
Ebselen wird bereits in der Schlaganfalltherapie beim Menschen eingesetzt und hat sich als gut verträglich erwiesen. Daher würde es sich eigentlich anbieten, Ebselen im Rahmen einer klinischen Studie an freiwilligen alkoholmissbrauchenden Menschen auf seine leberschützende Wirkung hin zu untersuchen. Stattdessen wird ein stark belastender Versuch an mindestens 16 Ratten durchgeführt. Den Tieren wurde operativ eine Magen-Darm-Sonde gelegt. Nach einer Woche wurden sie in vier Gruppen (a-d) aufgeteilt und erhielten eine leberschädigende Flüssigdiät und dazu je nach Gruppe a) ein Plazebo, b) Alkohol, c) Ebselen und d) Alkohol und Ebselen. Diese schlimme Prozedur – die Tiere erhielten ihre Nahrung ausschließlich zwangsverabreicht über die Sonde – erstreckte sich über vier Wochen. Danach wurden alle Ratten getötet und ihr Blut und ihre Lebern auf Hinweise für Leberschädigungen untersucht.
Ein extrem quälerischer Versuch, der gerade auch angesichts der für eine klinische Erprobung am Menschen überaus günstigen Gegebenheiten so betroffen macht.
5. 2003 wurde eine vergleichende Studie an alkoholpräferierenden Rattenlinien zu den Wirkungen von Entzug und Stressphasen auf die freiwillige Alkholaufnahme (zur Freiwilligkeit s. o.) und das Trinkverhalten im zeitlichen Verlauf durchgeführt.
Insgesamt 71 Ratten unterschiedlicher Zuchtlinien hatten über sechs Monate freien Zugang zu Wasser, 5%iger und 20%iger Alkohollösung. Nach acht Wochen wurde den Tieren der Alkohol für 14 Tage entzogen. Um physischen und psychischen Stress hervorzurufen, mussten die Tiere nach 16 Wochen an drei aufeinander folgenden Tagen in einem zylindrischen Gefäß in tiefem Wasser so lange schwimmen, bis sie aufgaben und sich treiben ließen. Nach 22 Wochen erhielten die Ratten an drei aufeinander folgenden Tagen in einer Testkammer Stromstöße über das Bodengitter und die Wände. Die einzelnen Tests dauerten zehn Minuten, die Gesamtdauer der Stromstöße betrug pro Test fünf Minuten!
Eine Beobachtung, die gemacht wurde, war, dass selbst innerhalb der verschiedenen Rattenlinien große individuelle Unterschiede im Trinkverhalten bestehen. Wiederum stellt sich die Frage der Übertragbarkeit und somit des Nutzens dieser Versuche.
6. 2004 wurden neugeborene Ratten durch Köpfen getötet, ihre Großhirnrinde in Scheibenkulturen über vier Tage mit Alkohol behandelt und dann auf bestimmte Moleküle hin untersucht.
Hintergrund: es wird vermutet, dass bei dem so genannten Fetalen Syndrom (Schädigung des Fetus infolge Alkoholmissbrauchs der Mutter) eine Störung der Biochemie eines bestimmten Botenstoffs vorliegt. Diese soll dadurch zustande kommen, dass Alkohol auf sich entwickelnde Zellen wirkt und die Effekte des Botenstoffs verstärkt. Ergebnisse, die zur Aufklärung beitragen, werden in dieser Studie nicht gefunden. In der Diskussion ist gar zu lesen, dass die gemachten Beobachtungen nicht generalisiert auf andere Spezies, Entwicklungsstadien oder Gehirnregionen übertragen werden können. Schlussfolgerung der Autoren ist, dass weitere Studien durchgeführt werden sollten, die untersuchen sollen, ob Alkoholgaben an trächtige Ratten ähnliche Effekte in den Gehirnen der Jungtiere hervorrufen wie in diesem Versuch.
7. 2005 wurde an 48 Wistarratten der Einfluss des Alters zu Beginn des Trinkens auf das Langzeittrinkverhalten mit Entzugs- und Stressphasen untersucht.
Hierzu hatten 24 jugendliche und 24 erwachsene Ratten über 30 Wochen freien Zugang zu Wasser, einer 5%igen und einer 20%igen Alkohollösung. Nach acht Wochen wurde der Alkohol für 14 Tage entzogen, um das rückfallähnliche Trinkverhalten zu messen. Nach der 16. und der 26.
Woche wurden die Tiere dem erzwungenen Schwimmen und dem Fußschocktest (Ablauf s. o.) unterzogen, um den Einfluss verschiedener Stressfaktoren zu messen.
In der Diskussion zu diesem Versuch wird darauf hingewiesen, dass männliche Wistarratten verwendet wurden, die generell keine großen Mengen Alkohol konsumieren und auch keine genetische Vulnerabilität dafür aufweisen. Weibliche Tiere und selektiv auf hohen Alkoholkonsum gezüchtete Rattenlinien könnten durchaus anders reagieren. Zusätzlich zu diesen die Aussagekraft dieses Versuchs ad absurdum führenden Aspekten gab es in der Versuchsplanung keine Kontrollgruppen, um beispielsweise einen puren Zufall bezüglich des Zusammentreffens von veränderter Alkoholpräferenz und einem Stressor auszuschließen. Alles in allem ein schon von vorneherein komplett sinnloser Versuch, für den 48 Tiere leiden und sterben mussten.
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